Real Talk: Über zu hohe Erwartungen an Weihnachten und Silvester

Egal ob in den Innenstädten, auf den Instagram Accounts oder im Gespräch mit Bekannten: Weihnachten, das kündigte sich in diesem Jahr mal wieder als eine fluffige Masse aus Gemütlichkeit, Besinnlichkeit, und Liebe an. Dieses Jahr, so sagten viele, ausnahmsweise mal kein Stress, keine Hetze, nur gute Gefühle. Außerdem: sehr viel Glitzer, Tannenbäume, Weihnachtsmärkte, Geschenkdiskussionen, Weihnachtspartys auf der Arbeit, Weihnachtsessen mit Freunden. Und direkt danach: Die Frage, nach dem schönsten Outfit, der besten Party, den gelungensten Ritualen, Jahresabschlussplänen und To Do Listen für das dahinschwindende Jahr. Damit 2019 so richtig mit einem Knaller startet.

Zwischendurch wird, für das gute Gewissen, noch der ein oder andere Euro gespendet und noch einmal ganz besonders betont, wie wichtig es doch ist, sich sozial zu engagieren. Und dann kam das große Fest, der Stresspegel stieg, es glitzerte mehr und mehr und irgendwann kam der große Knall. “Irgendwie war Weihnachten mal wieder nur Stress”, “Ich bin einfach froh dass es vorbei ist” und immer öfter höre und lese ich auch von Streitigkeiten mit der Familie, der Beliebigkeit von Weihnachten und dem Wunsch nach neuen Ritualen.

Und das finde ich gut. Gut deshalb, weil, zumindest zwischen den ganzen Kerzen, Lichterketten #couplegoals und #familygoals (was sind das eigentlich überhaupt für dumme Hashtags?) ein bisschen #mehrrealitätaufsocialmedia ist. Weil Weihnachten eben nicht für alle so aussieht, wie ein amerikanischer Christmasmovie, sondern ganz besonders an diesen Tagen, an die so ziemlich jeder den Anspruch hat, dass sie „the best time of the year“ werden, oftmals so ganz anders enden als geplant. Weil man trotz aller Toleranz eben nicht erwarten kann, dass unterschiedlichste Wertevorstellungen aufeinander prallen. Weil man noch so sehr mit sich im Reinen und #fulloflove sein kann, aber trotzdem emotional reagiert. Vielleicht sogar damit Leben muss, dass ein Familienmitglied weniger am Tisch sitzt, als im vergangenen Jahr. Denkt man bereits im Voraus darüber nach, ändert man zwar nichts an der Situation. Aber kann sich leichter annehmen und schärft den Blick für die tausenden kleinen Dinge, die Weihnachten eben doch ganz schön machen.

Mein Weihnachten: Fast 30 Mal erlebt und trotzdem nicht perfekt

Früher habe ich mir immer eine richtig große Familie gewünscht. Mit großen Geschwistern, Tanten, Onkel, Cousinen die über die Feiertage nach Hause kommen. Einem großen Tannenbaum und vielen Geschenken. Das war bei uns nie der Fall, was vor allem dem Umstand geschuldet war, dass meine Familie nie besonders groß war. Genauer gesagt bestand meine Familie aus meinen Großeltern, meiner Mutter und mir. Weihnachten zu dieser Zeit war rückblickend wirklich sehr schön. Aber eben auch sehr klein. Mittlerweile gibt es mehr Menschen, die in diverse Feierlichkeiten einbezogen werden. Angeheiratete und Übriggebliebene. Und trotzdem: Die glücklichen Familien aus den Weihnachtsfilmen, in der sich alle glücklich in die Arme schließen, sehen anders aus.

Einige mag man, die anderen nicht, es gibt die, mit denen es regelmäßig knallt und dem ein oder anderen geht man vielleicht sogar über die Weihnachtstage lieber aus dem Weg. Und ich bin mir sicher, dass es Familien gibt, die dieses Weihnachtsding deutlich harmonischer wuppen, als meine. Aber enttäuscht hat mich Weihnachten eigentlich noch nie. Weil Weihnachten zum einen das ist, was es schon immer war. Und ein bisschen auch das, was man daraus macht. Zeit für sich selbst nehmen, das Jahr reflektieren, sich an den Gerüchen, Geräuschen und Lichtern erfreuen oder sich einfach mal für und mit anderen freuen. Weihnachten, das Fest zu einem bestimmten Datum, ist mir nicht so wichtig. Nicht so wichtig, wie es meinen Großeltern ist, die sich jedes Jahr freuen, mich zu sehen, und die nicht nur aus nostalgischen Gründen (was schon Grund genug wäre) daran hängen, sondern auch, weil es eines der wichtigsten Feste in ihrem Glauben ist. Und das ist irgendwie auch schön.

Realistische Erwartungen an das Weihnachtsfest machen unliebsame Verwandte nicht weniger nervig, machen das Essen nicht weniger fettig, machen Verluste oder Einsamkeit nicht weniger schmerzhaft. Aber sie machen einen eventuell am Ende des Tages glücklicher.

Silvester: Der Höhepunkt der unerfüllten Erwartungen und bitteren Enttäuschungen

Noch höhere Erwartungen als an das Weihnachtsfest haben viele nur an Silvester. Und auch wenn die vielleicht weniger emotionaler sind, weil es in den meisten Fällen nicht die eigene Familie ist, die alles „verdirbt“, sondern der (vermeintlich) falsche Freundeskreis, die eigene Laune oder einfach äußere Umstände: Unfassbar viele Menschen scheinen nach dem Jahresübertritt das Maximalmaß der Unzufriedenheit erreicht zu haben. Eigentlich müsste alles mindestens doppelt so toll und glitzernd wie sonst sein. Immerhin hat man 50€ nur für den Eintritt in den Club gezahlt. Ohne Getränke. 250€ für das 3-Gänge-Menü mit Weinbegleitung. Ganz zu schweigen von dem Geld, der Zeit und der Mühe, die man im Voraus in das Outfit gesteckt hat.

Ich war ganz besonders als Teenager und auch noch mit Anfang zwanzig ganz groß daran, mir das schönste, tollste und glitzerndste Silvester überhaupt vorzustellen. Und dann? Stand ich um 12 Uhr in einem überfüllten Clubs, hasste Clubs immer noch. Verbrachte den Abend mit Menschen, zu denen ich eigentlich längst den Kontakt abbrechen wollte. Und obwohl Silvester war, wurde ich nicht zur Dancing Queen. Wurden weder Affären zu Traumprinzen, noch heilten zerbrochene Freundschaften wie durch Zauberhand.

In der Realität ist eben nicht alles pink mit Glitzer. Die Party in der Stammkneipe wird sich nicht in eine Hollywood Szenerie verwandeln und wo wir schon dabei sind: Die Wahrscheinlichkeit, dass um Punkt 12 Uhr ein traumprinzenähnlicher Typ aus dem Nichts aufpufft, geht auch gegen Null.

Wir können weder unsere Freunde noch unsere Familien ändern. Und manchmal auch die Gesamtsituation nicht. Wir können aber unsere Erwartungen etwas herunterschrauben und uns vielleicht schon jetzt für den nächsten Dezember vornehmen, das alles nicht so wichtig zu nehmen. Unser Glück nicht nur am 24. und 31. Dezember zu suchen, sondern auch an allen anderen Tagen des Monats. Und des Jahres.

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4 comments

  1. Liebe Jana,

    gerade was Silvester angeht muss ich sagen, das du absolut Recht hast. Es war dieses Mal wieder so bemüht bei uns, dass gar keine schöne Stimmung aufkommen konnte. Eigentlich ist es ja ganz egal, wer das schönste Outfit hat und die beste Party feiert. Im nächsten Jahr werde ich den Tag auf jeden Fall entspannter angehen.

    LG
Teresa

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